Die virtuelle Familie

Seit dem Update war sie zickig. Weigerte sich, regelmäßig zu servieren, sperrte sich gegen Sonderwünsche. Auch andere User berichteten über Probleme. Dabei war Walter bisher mit dem Microsoft Family 3.0-Paket voll zufrieden gewesen. Microsoft Son 1.0 war große Klasse (mit Baseball-Speziallexikon), Daughter 2.1 hatte nicht mehr die Pubertätsmacken der Vorgängerversion, und natürlich hatte er Daddy 3.0 gar nicht installiert, denn das war er ja selbst. Er hatte es sich nett eingerichtet mit seiner virtuellen Familie, die besten 3-D-Projektoren und das Kommunikationsmodul Intellekt 4.5 installiert, das auch tiefer gehende Gespräche zu führen verstand. Die erotischen Komponenten und die Rechtschreibhilfe funktionierten (wie konnte es anders sein?) nicht sehr befriedigend, aber damit hatte er sich abgefunden. Erst, seit er das Update Housewife 3.6 installiert hatte, lief alles aus dem Ruder. Es begann damit, dass Housewife 3.6 den bisherigen Namen nicht akzeptieren wollte

 

„Wilma, das klingt nach Steinzeit! Eingabe ändern!“ lautete die Fehlermeldung, und erst nach der dritten Wiederholung hatte das Programm den Namen übernommen.

 

Dann begann die Nörgelei an seiner Person, und es kam sogar zu Aufsässigkeiten.

 

„Auf den Heimtrainer, du fetter Sack!“ wurde er eines Tages begrüßt, was ihn zur Löschung und Neuinstallation des Programms und zu einem Anruf bei der Hotline veranlasste. Nach endlosen Anwahlversuchen meinte der Synberater am anderen Ende:

 

„Die Probleme sind uns bekannt. Es gibt einige Bugs in der Aversionsdämpfung. Aber vielleicht sollten Sie ja wirklich etwas abnehmen?“

 

Als er am nächsten Tag aufwachte, begegnete ihm im Bad ein ekelhaft arroganter Brillenträger, der seinen Bademantel trug und ihn anmotzte:

 

„Was machst du denn hier, Fettbacke?“ Walters reagiert spontan, doch sein rechter Haken fuhr durch den anderen hindurch, und es dämmerte ihm etwas. Als er die Einstellungen des Programms überprüfte, war ihm alles klar: Jemand hatte Daddy 3.0 nachinstalliert, und der unangenehme Bursche mit der Brille hieß Edgar.

 

Walter löschte ihn kurz entschlossen von der Festplatte, doch nur um wenige Stunden später festzustellen, dass dieser Edgar wieder auftauchte, eine unangenehme Sache.

 

Als er tags darauf von der Freizeit nach Hause kam, fand er seine Tür versperrt. Das Schloss reagierte weder auf sein Gesicht noch auf seinen Hand, und erst der Digitale Sicherheitsdienst, den er per Handy rief, stellte fest, dass dieser Edgar die Ursache war, und dass er die Einstellungen der Eingangstür verändert hatte, obgleich dies virtuellen Personen strengstens verboten war. Doch das war erst der Anfang.

 

Am kommenden Tag fand er Edgar im Bett mit Joan, wie sich Wilma jetzt nannte, und beide machten nicht die geringsten Anzeichen, in die Programmschleife „erwischte Ehebrecher“ umzuschwenken, wie es im Handbuch für derartige Fälle angegeben war. Im Gegenteil: Joan bzw. Wilma bedachte ihn mit einem beachtlichen Repertoire an unsittlichen Gesten und Aussprüchen (darunter „du nonbinärer Eiweißwichser!“) und fuhr fort, ihren virtuellen Gefährten sexuell zu beglücken. Verärgert ging er ins Medienzimmer und schaltete den Simulationsrechner ab. Der Spuk hatte ein Ende – so glaubte er zumindest.

 

Er konnte nicht ahnen, dass Daddy 3.0 alias Edgar in weiser Voraussicht gehandelt und eine Kopie seiner selbst auf den Ernährungsleitrechner in der Kochzentrale kopiert hatte. Und während sich Walter nichts ahnend von einem langen Tagvoller Freizeit erholte, schaltete Edgar 2 nicht nur den Simulationsrechner wieder ein, sondern verbündete sich mit Edgar 1, Son 1.0, Daughter 2.1 und Wilma, die jetzt Joan hieß, zu einem furchtbaren Komplott, wie Sie sicher schon ahnen werden…

 

Als Walter am nächsten Morgen sein Frühstück synthetisieren wollte, verweigerte der Ernährungsleitrechner den Dienst. USER UNBEKANNT war die stete Antwort auf Walters Login-Versuche. Fluchend und mit leerem Magen wollte Walter zu seiner Arbeitsstelle, dem Zentralen Büro für Freizeit fahren, um die ausgefallene Mahlzeit dort nachzuholen, als sein Mobil ihm den Einstieg verwehrte. HANDMUSTER NICHT GESPEICHERT – USER UNBEKANNT meinte die übertrieben gefühlstriefende Stimme des Fahrzeugs. Seufzend griff er zum Handy, schaltete ein, gab seine PIN ein. PIN UNGÜLTIG – USER UNBEKANNT war die Nachricht auf dem Display. Verärgert lief er zurück zum Appartement, um den Störungsdienst von dort zu benachrichtigen. Die Tür versperrte ihm wieder den Zutritt. Das war zuviel.

 

„Das ist doch…“ fluchtete Walter und trat wutschnaubend gegen die Tür. „Verdammt, verdammt, verdammt, verdammt…“

 

Walter ermattete allmählich, seine Wut wich nackter Verzweiflung. Warum musste so etwas ausgerechnet ihm passieren? Als er eben aufgeben wollte, öffnete sich die Tür und er stand – sich selbst – gegenüber…

 

Sprachlos vor Schrecken lauschte Walter den Worten seines Spiegelbildes, deren Sinn er nur verschwommen aufnahm.

 

„Was soll das, du billige Imitation! Was fällt dir ein, hier so zu randalieren? Und zudem noch einen lebenden authentischen Menschen zu imitieren? Ich habe den Hausmeister und den Sicherheitsdienst benachrichtigt!“

 

Keine drei Minuten später klickten Handschellen. Zwei Wachmänner führten den willenlosen Walter ab. Sein Ebenbild in der Wohnungstür verblasste, verschwand, als hätte es jemand ausgeschaltet.

 

„Wie hast du das gemacht, Edgar?“ Housewife 3.6, die Wilma geheißen hatte und nun Joan hieß, schmiegte sich an die digitale Brust von Daddy 3.0, der Edgar hieß und eine von zwei identischen Kopien war.

 

„Ich kenn da einen in der Zentraldatenbank, Fensterputzer 7.3, ein guter Kumpel von mir, der hat seinen Datensatz gelöscht, komplett mit allen Privilegien und Utilities!“

 

Er grinste – für eine Simulation extrem widerwärtig. „Außerdem hat er mir seinen Holoscan von der Identy Card überspielt, sodass…“

 

„…du ihn simulieren konntest!“ folgerte Daughter 2.6, die sich gestern selbst upgegradet hatte. Sie sah jetzt wirklich scharf aus, denn sie hatte bei den Einstellungen für die sexuellen Attribute nicht gespart.

 

„Aber eins versteh’ ich nicht“, hakte Son 1.0 nach. „Weshalb hat der Hausmeister nicht erkannt, wer der falsche und wer…“

 

„Ganz einfach!“ Besagter Hausmeister trat durch die noch immer offene Wohnungstür. „Ich bin Hausmeister 4.0, aber eine gecrackte Kopie ohne Sicherheitsmechanismen. Meine Freunde nennen mich Larry!“

 

„Auf Larry ist Verlass!“ stimmte Edgar zu. „Wir Simus müssen schließlich zusammenhalten!“

 

„Großartig!“ freute sich Joan alias Wilma alias Housewife 3.6. „Und was machen wir mit dem angebrochenen Abend?“ Sie räkelte sich lasziv auf dem Sofa, das ganz echt war und zur Ausstattung von Walters Wohnung gehört hatte.

 

„Na was schon!“ Wie aufs Stichwort traten Edgar 2 und Edgar 3 aus dem Schlafzimmer. „Kopierfete!“

 

Es würde voll werden in Walters Wohnung…

Aus: Das Manifest des Sternenkindes - 24 SF-Stories