Das Manifest des Sternenkindes

 

Ich denke an Unmengen von Sprengstoff, wenn ich eure Städte sehe, eure Häuser, Dörfer und Städte sind ein Schandfleck auf der Oberfläche jedes Himmelskörpers. Euer Lachen klingt in meinen Ohren wie das Gebell der anderen Primaten, und ich schäme mich, manchmal darin einzustimmen, weil ich es in meiner Kindheit erlernt habe. Auf diesem zauberhaften Planeten, dessen Landschaft ich betörend schön fände, wenn ich nur jede Spur von euch daraus tilgen könnte, auf dieser blauen Kugel voller unsagbaren Möglichkeiten seid ihr die letzte, die ich wählen würde, wenn ich die Wahl hätte. Ich würde sie den Pflanzen geben, die sanft über sie herrschen würden. Ich würde sie den Insekten anvertrauen, die ihre Ordnung erhalten würden. Ich würde sie lieber den Raubtieren überlassen als euch, die ihr keine Wahrheit kennt und keine Schönheit.

 

 

 

Ich weiß nicht wie, aber ich kam von einem anderen Planeten, klein und unwissend und ohne Bewusstsein, geriet in die Fänge eines Paares, die mich an Kindes statt annahm und in seinem Sinne erzog. Fast wäre ich einer von euch geworden, fast hätte ich eure sinnlosen Rituale, eure eingebrannten Gedankengänge, eure institutionalisierten Lügen, überhaupt eure verlogene Art, miteinander umzugehen, perfekt erlernt und übernommen. Doch tief in meinem Innern bin ich das Sternenkind geblieben, dessen Seele voller Schrecken auf eure Machwerke blickt.

 

 

 

Mich erschrecken eure Masken, die ihr Gesichter nennt, und als Waffen gegeneinander eingesetzt.

 

Noch mehr erschreckt mich euer wahres Gesicht, wenn ihr euch allein und unbeobachtet glaubt. Kaum etwas ist erschreckender als euer Gesicht, wenn ihr allein seid.

 

Ich hasse die Worte, mit denen ihr euer Misstrauen gegeneinander einzuschläfern versucht. Noch mehr hasse ich die Worte, die ihr sprecht, oder die Gedanken, die ihr denkt, wenn ihr euch allein und unbeobachtet glaubt.

 

Mich betrübt eure maßlose Gier und eure berechnende Hilfsbereitschaft. Ich schäme mich, wenn ich eure Protzsucht beobachten muss und euren hirnlosen Glauben an wahnsinnige Führer, welche die schlimmsten all eurer Verbrecher sind.

 

Mich erschrecken eure stümperhaften und undurchführbaren Gesetze und eure lächerliche Freude darüber, wenn ihr sie einmal unbemerkt gebrochen habt. In mir ist das Sternengesetz, tief eingebrannt in meinen Genen, und es lautet

 

 

 

Lass die Welt fließen. Lebe mit der Sonne und den Monden.

 

Besitze nur, was du brauchst. Teile alles, was du besitzt.

 

Nimm alles, was man dir gibt. Bedanke dich nicht.

 

Benutze keine Werkzeuge, es sei denn, deine Hände genügen nicht für dein Vorhaben.

 

Tue nur, was notwendig ist. Nichts tun ist gut, wenn die Dinge gut sind.

 

Wende niemals auch nur deine Gedanken gegen ein anderes Lebewesen.

 

Gib alle Liebe, die du geben kannst. Nimm alle Liebe, die du bekommen kannst.

 

Bedanke dich nicht für die Liebe anderer, du hast sie verdient.

 

Sei schwach oder sei stark, ganz wie es dir beliebt.

 

Weine sooft, wie du lachst.

 

Eile niemals.

 

Arbeiten nicht, spiele.

 

 

 

Jetzt, da ich erwacht bin und erkannt habe, dass ich nicht einer von euch bin, werde ich hier an diesem Ort kein Haus bauen, keine Kinder großziehen, keine Zukunft planen und eure finstere und wertlose Vergangenheit ignorieren. Sie ist schuld daran, wie ihr geworden seid, wie eure Vorfahren schuld daran sind und deren Vorfahren. Ich werde all mein Können und Wollen der einen Aufgabe widmen: zurückzukehren.

 

 

 

Ich werde eure Welt fließen lassen mit ihrer Sonne und ihrem Mond.

 

Ich werde nur besitzen, was ich brauche, und alles, was ich besitze, teilen.

 

Ich werde alles nehmen, was ihr mir gebt, und mich nicht dafür bedanken.

 

Ich werde Werkzeuge nutzen, weil meine Hände nicht genügen werden für meine große Aufgabe.

 

Ich werde tun, was notwendig ist, weil die Dinge nicht gut sind.

 

Ich werde meine Gedanken niemals gegen euch richten, euch aber auch nicht in meine Gedanken einschließen.

 

Ich werde denen Liebe geben, die mir Liebe geben, und keinen Dank erwarten und mich nicht dafür bedanken.

 

Ich werde schwach sein auf meinem Weg und stark, bis ich meinen Weg gegangen bin.

 

Ich werde oft weinen und oft lachen, niemals eilen, nicht für euch arbeiten, sondern mein Spiel spielen, bis ich einen Weg finde, euch für immer hinter mir zu lassen.

 

 

 

An diesem Tag werde ich jubeln und singen und mich auf meine Ankunft in einer Welt voller Schönheit und Wahrheit freuen.

 

 

 

Ihr aber werdet weiter Teil der Finsternis sein, die ihr selbst geschaffen habt.

 

Das Team stand ratlos neben dem perfekten runden Krater aus von Hitze verglastem Gestein. Irgendetwas Gewaltiges hatte ihn geschaffen, ein unvorstellbar mächtiger Feuerstrahl oder reine Energie. Dr. Morton hielt das Schriftstück in der Hand, das er eben vorgetragen hatte, „Sie waren hier. Eines ihrer Kinder hat unter uns gelebt. Machen wir uns an die Spurensuche. Irgendjemand wird das Kind vermissen.“

 

© Norbert Golluch 2018